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From Zurich to Paris on the Solex

What makes six grown-up men to ride on a vintage one cylinder moped 700 kilometres from Zurich to Paris? Just fun or pure naivity? The road trip turns out to be both: the best ever thing and a real ordeal filled with uncountable engine breakdowns. The first stage takes the group just across the border to Germany, 60 kilometres north of Zurich.

Teil 1 - Aufbruch
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Der Audio-Podcast
Mit der Solex von Zürich nach Paris

Was bringt sechs Männer dazu, mit einem antiquarischen Einzylinder-Motor, wie die Solex, über 700 Kilometer von Zürich nach Paris zu fahren? Reiner Spass oder pure Naivität? Die Reise entpuppt sich als Zweierlei: ein unfassbar tolles Erlebnis und eine Herausforderung, beladen mit zahllosen Pannen. Die erste Etappe bringt die Jungs gerade mal über die Grenze nach Deutschland, 60 Kilometer nördlich von Zürich.

Meine Freunde und ich hatten uns damals vorgenommen, von Zürich aus übers Wochenende nach Paris zu fahren. Am Freitagabend wollten wir nach der Arbeit sofort aufbrechen, danach zwei Tage lang Paris erobern, und spätestens am Sonntag den Rückweg in Angriff nehmen, um am Montagmorgen rechtzeitig, pünktlich zu Arbeitsbeginn, in Zürich einzutreffen.

Doch wie das so ist mit Teenager-Träumen, es blieb dabei und wir verfolgten den Plan nicht weiter. Zum Glück, denn wir hatten keinen blassen Schimmer, wie weit die Strecke tatsächlich ist,  von Zürich nach Paris - und zurück. Ein Wochenende hätte kaum gereicht, für 1.400 Kilometer Wegstrecke. Bei einer Spitzengeschwindigkeit von knapp 30 Kilometern pro Stunde, wären wir insgesamt fünfzig Stunden im Sattel gesessen. Viel Zeit, um in den Pariser Clubs herumzustreifen, wäre nicht gewesen. Und um zu Schlafen überhaupt keine.

Aus Planung wird Realität

Lass es uns jetzt tun, meinte mein Freund Thorsten aus Köln, während eines Spaziergangs entlang des Rheins vor zwei Jahren, nachdem ein Sonntagsfahrer mit einer einzigartigen Eleganz und Leichtigkeit auf einer alten Solex an uns vorbeirauschte.

Die Idee war wiedergeboren. Im Unterschied zu den damaligen Teenagerjahren,  waren wir heute über vierzig Jahre älter, also weiser und hatten ganze zwei Jahre Zeit, diese Reise bis ins kleinste Detail zu planen und zu organisieren. Nichts konnte schief gehen.

Während der zweijährigen Planungsphase stiessen mehr begeisterte, oder soll ich sagen - naive, gar kindliche - Freunde hinzu. Nein, lassen sie mich korrigieren, sie waren verspielte, nicht erwachsen gewordene, abenteuerlustige Freunde, die bereit waren, Aussergewöhnliches, Ungewöhnliches und Unbekanntes auf sich zukommen zu lassen. Sie waren Freunde aus verschiedenen Ecken des Globus, die sich untereinander nicht kannten. Wir waren zu einer Gruppe von sechs Teilnehmern herangewachsen, bestehend aus meiner Wenigkeit: Peter aus Zürich, Thorsten aus Köln, Jens aus seiner Wahlheimat Australien, John aus Sydney und Chris aus Neuseeland.

Wir hatten bereits mehrere Pannen, bevor wir nur daran denken konnten, uns auf die Solex zu schwingen, um Paris zu erobern.

Was ist eine Solex?

Die Solex, sechs Stück an der Zahl, waren alte Maschinen, Second Hand, mindestens vierzig Jahre alt, eingekauft bei Händlern und aus privater Hand. Bei Testfahrten ging eine Solex nach der andern kaputt, insgesamt drei von sechs, und mussten eiligst ausgetauscht werden. Auch Thorstens Solex segnete, nach zwei Jahren zuverlässiger Arbeit, das Zeitliche. Schweren Herzens musste er sie in Köln zurücklassen und sich stattdessen mit einer völlig fremden Maschine befreunden, die Peter noch in der Nacht zuvor via Internet gefunden und gekauft hatte.

Am Vorabend der Abreise waren wir uns nicht sicher, ob wir die Reise ungestört in Angriff nehmen können. Sechs Solex standen bereit in Peters Garage, davon stotterte eine, war kraft- und saftlos, und eine andere sträubte sich nach wie vor, in Gang zu kommen. 

Es kann losgehen

Da sassen wir also, sechs erwachsene Männer, die Taschen für die grosse Reise gepackt, jedoch mit der Angst im Nacken und dem beklemmenden Gefühl im Bauch, dass das Ganze tatsächlich nur eine Teenager-Schnapsidee war. Niemand wagte es, auch nur anzudeuten, dass wir uns am nächsten Morgen vielleicht dazu aufraffen müssen, unser Abenteuer ganz einfach abzublasen. Denn wenn die Solex nicht läuft, geht nichts.  Niemand wagte es, diesen Gedanken auch wirklich zu Ende zu denken.

Robert Redford, Steve McQueen, Charles Aznavour, Jacques Tati, Mr Bean, Robert de Niro, ja  .. . und Brigitte Bardot - sie waren, wie all die Nonnen, Hebammen, Väter und Mütter über Generationen hinweg, berühmte Solex-Fahrer. Und wir: Peter, Thorsten, Jens, John, Chris, und ich, Adrian. Wir dachten, in diese Liste der prominenten Fahrer aufgenommen zu werden, als die wagemutigen Männer, die sich auf ein letztes grosses Abenteuer auf Europas Strassen einliessen. Mit einem einfachen Einzylindermotor, dessen Konstruktion so simpel ist, dass daran eigentlich, oder theoretisch, nichts oder zumindest nicht viel kaputt gehen kann. Ausser die eine Solex unten in Peters Garage, die wollte einfach nicht anspringen.

Jens und Thorsten, beide eifrig in der Lösung von Problemen, wollten diese Tatsache nicht verstehen und schraubten und hämmerten die halbe Nacht auf den harmlosen Solex-Motörchen rum.

Jeder fragte sich, wer auf diesen verrückten Gedanken gekommen ist, auf einer Solex nach Paris zu fahren. Langsam aber sicher schlichen sich Enttäuschung, Frustration und Verzweiflung ein.

Pannen über Pannen

Die Diskussionen, was zu tun ist und wie wir es angehen, waren endlos und baten keine Lösung. Wir brauchten jemanden, der eine mutige Entscheidung treffen konnte, der eine Vision hatte, und Autorität. Attributte, die normalerweise einem König zuzuschreiben sind. So kamen wir zu dem Schluss, dass an jedem Reisetag einer von uns zum Tageschef ernannt wird, der wie ein König sein Volk aus jede Krise steuert, weil er am besten weiss, was zu tun ist. Die Ehre des Tageschefs war mir zuteil am ersten Tag in der Funktion des "Königs".

Die Amerikaner brachten es fertig, auf dem Mond zu landen, mit einem Stück Karton und etwas Klebeband. Unsere Solex-Gruppe verwirklichte den grossen Traum, mit fünf Solex 60 Kilometer über die Grenze in die deutsche Ortschaft Laufenburg zu fahren. Nun, wenn das keine Meisterleistung ist!

Doch wie der Mond, hatte auch dieser Tag seine dunkle Seite. Wir verloren Peter, beziehungsweise Peter verlor seine Solex. Der Zylinderkopf sprang nach 20 Kilometer Fahrt aus der Fassung und liess sich nicht mehr festschrauben. Peter musste zurück nach Zürich.

Peter stiess erst am nächsten Tag auf unsere Gruppe zurück. Wir restlichen fünf fanden an diesem ersten Tag in dem kleinen Hotel in Laufenburg unsere Betten für die Nacht, ein deftiges Abendmahl davor und ein kühles Bier. Wir wussten bis dahin nicht, ob Peter es schaffen wird, seine Solex zu reparieren und wehrten uns gegen den Gedanken, dass das Abenteuer für ihn möglicherweise zu Ende ist. Grosse Sorgen jedoch machte uns die Solex von John, die sich nur mit Mühe und Not, und mit Johns kräftiger Tret-Hilfe  über die sechzig Kilometer hierher durchgestottert hatte.

 

 

 

Teil 2 - Der steile Weg
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Der Audio-Podcast
Mit der Solex von Zürich nach Paris - Teil 2

Was bringt sechs Männer dazu, mit einem antiquarischen Einzylinder-Motor, wie die Solex, über 700 Kilometer von Zürich nach Paris zu fahren? Reiner Spass oder pure Naivität? Die Reise entpuppt sich als Zweierlei: ein unfassbar tolles Erlebnis und eine Herausforderung, beladen mit zahllosen Pannen. - Die zweite Etappe führt von Laufenburg an der deutsch-schweizerischen Grenze ins Elsass und über die Vogesen.

Die Reise geht weiter

Was bringt sechs Männer dazu, mit einem antiquarischen Einzylinder-Motor, wie die Solex, über 700 Kilometer von Zürich nach Paris zu fahren? Reiner Spass oder pure Naivität? Die Reise entpuppt sich als Zweierlei: ein unfassbar tolles Erlebnis und eine Herausforderung, beladen mit zahllosen Pannen. Die zweite Etappe führt von Laufenburg an der deutsch-schweizerischen Grenze ins Elsass und über die Vogesen.

Prinzessin am zweiten Tag

Der zweite Tag, Start zur zweiten Etappe. Sie führt 79 Kilometer vom deutschen Grenzort Laufenburg dem Rhein entlang, durch Basel, nach Wittersdorf im Elsass. Ich gab mein Szepter ab an Thorsten. Er war heute der Tagesschef. Es lag eigentlich auf der Hand, dass er nach meiner königlichen Amtszeit den Titel des Prinzen beanspruchen wollte. Er zog es aber vor, Prinzessin zu sein. Prinzessin Thorsten. Lässt sich arrangieren!

Immerhin schafften wir es bis zur Tankstelle, an der wir unsere durstigen Maschinen volltankten. 4 1/4 Maschinen, vollgetankt, für satte 11 Euro. Der Durst gelöscht, mit John im Schlepptau, ging es endlich los. Der Wind in den Haaren, ein zufriedenes Grinsen in den Gesichtern, tuckerten wir entlang dem Rhein, die Seelen gefüllt mit Erinnerungen an vergangene Jugendzeiten voller Unschuld und Sorglosigkeit... solange bis Johns Solex einmal mehr den Geist aufgab.

Pleiten, Pech und Pannen

Jens und Prinzessin Thorsten nahmen ihre gewohnte bucklige Haltung ein, machten sich die Hände schmutzig am demontierten Motor, ohne jeglichem Erfolg, mit John weiterhin im Schlepptau, einem längerem ungewolltem Aufenthalt in Rheinfelden, weil mein Reifen einen Platten hatte und wir nicht das nötige Werkzeug zur Behebung des solchen bei uns trugen, keines schnell kaufen konnten, weil es Sonntag war, und glücklicherweise eines dieser unnützen Wohnungseinrichtungs-Geschenkläden sein nagelneuer Schraubenschlüssel in der richtigen Grösse ausborgte, und wir damit die Reifenpanne schnell beheben konnten.

Aus uns jetzt noch unerklärlichen Gründen, denn John bzw. seine Solex schnaubte und ächzte, als ob eine ungeheuerliche Dampfmaschine sich verzweifelt durch den Sumpf schraubte, erreichten wir Basel und hielten mitten auf der Rheinbrücke an. Ungewollt, weil Johns Solex gerade noch so viel Kraft hatte, um den Kolben ein letztes Mal die Zylinderwand hochzuschieben, bevor sie sich in Schweigen hüllte.

Maison a discretion

Die Bordelldame forderte uns auf, unsere Siebensachen zu packen und zu verschwinden. Schliesslich erwartete sie wichtige Kunden, da könne sie keinen Schund vor ihrer Tür dulden. Jens und Prinzessin Thorsten operierten unbeirrt weiter, auch als ein Streifenwagen langsam an uns vorbeifuhr, beinahe anhielt, jedoch unerwartet Gas gab und aus unserem Blickwinkel verschwand. Wir fragten uns, ob das der wichtige Kunde war.

So oder so, ob Bordell oder Polizei. Johns Solex starb in diesem Moment unter unseren Augen. Zwischen uns und dem Etappen-Zielort, Wittersdorf im Elsass, lagen noch 22 Kilometer. Vor uns lag die gestorbene Solex, und John, erschöpft und demoralisiert. Wir konnten und wollten John und seine Solex nicht vor dem Bordell liegen lassen, das hätte der Herrin des Hauses sicherlich nicht in den Kram gepasst. Nein, wir liessen John nicht in Stich, das brachten wir nicht übers Herz. Wir waren schliesslich Freunde geworden. Freunde halten zusammen. Einer für alle, alle für einen. Wir konnten es John nicht zumuten, seine Solex alleine über 22 Kilometer nach Wittersdorf zu strampeln und zu schieben.

Wen wundert es, dass wir uns danach an Pastis und Bier labten, auch an französischen Pasteten, dazwischen Baguettes, und Bier, und Pastis. Eifrig und mit einem stets freundlichem Lächeln herbeigeschafft von Marine, der Kellnerin des Hauses. Marine ... sie sollte sich in jener Nacht noch als die wichtigste Person für uns Abenteurer entpuppen.

Dunkle Wolken

Der dritte Tag. Die dritte Etappe. 80 Kilometer von Wittersdorf, über die Vogesen nach Le Thillot.

Ein guter Plan, aber - es regnete, nicht nur fielen dicke Tropfen vom Himmel runter, auch unsere Seelen waren von dunklen Wolken vernebelt.