Siebzehn Jahre nachdem der Begriff 'Deutsche Leitkultur‘ zum Unwort des Jahres gekürt wurde, ist er wieder da.
Neues Leben hat ihm der mittelmäßige deutsche Innenminister Thomas de Maizière eingehaucht, der in dem bekannten Intellektuellenblatt 'Bild Zeitung‘, 10 Punkte zum Thema Deutsche Leitkultur veröffentlicht hat – sozusagen die Hausordnung der Bundesrepublik Deutschland.
Besonders wichtig dabei – bei der Begrüßung Hände schütteln, seinen Namen sagen, in die Augen blicken. Einen Diener muss man aber nicht mehr machen, sagt der aufgeklärte Nachfahre einer hugenottischen Adelsfamilie.
Was fehlt bei dieser Form der Begrüßung, macht das ganze Dilemma der 'Deutschen Leitkultur‘ sofort deutlich. Von einem freundlichen Lächeln bei der Begrüßung spricht der Minister nicht. Und da liegt der Hase im Pfeffer.
Was Deutschland fehlt und jeder, der jetzt in Australien lebt und mal wieder die alte Heimat besucht, auch sofort feststellt, ist die fehlende Herzlichkeit im Umgang miteinander.
Angeblafft wird man in Deutschland ruckzuck. Wer beim Spazierengehen einen Entgegenkommenden anlächelt, macht sich verdächtig. Wer seine Vorfahrt nicht verteidigt, gilt als Schwächling.
Mich wundert es nicht, dass es besonders Menschen aus mediterranen Ländern schwer fällt, sich in high-tech Deutschland einzuleben. Es fehlt nicht am guten Willen der Deutschen, eine Brücke zu bauen, aber das wird oft so miesepetrig angeboten, dass die Betroffenen nur noch abwinken und sich in ihre Reviere zurückziehen.
Ich habe das bei meinem letzten Besuch in Deutschland selbst erlebt. Bei der Passkontrolle hatte ich das Glück, mit der jungen Beamtin ein paar Worte zu wechseln – und zwar über Fußball. Sie war Fan des HSV und brauchte offensichtlich eine Aufmunterung. Es ist nun aber nicht leicht, in Bezug auf die ewig abstiegsbedrohten Hanseaten, tröstende Worte zu finden. Selbst Uwe Seeler ist jetzt immer nur noch krank und verzweifelt.
Dennoch, dieser freundliche Austausch mit der Passbeamtin hat mich für den Rest meines Aufenthalts in gute Stimmung versetzt und Deutschland schien wie verwandelt.
Deutschland braucht keine ausformulierte Leitkultur, sondern nur etwas mehr Freundlichkeit – unsere Kultur selbst ist Interessant, voller faszinierender Persönlichkeiten und berührender Ereignisse. Wenn das nicht so wäre, würden auch nicht so viele Touristen kommen.
