Margret Helms spricht für viele in ihrer Generation, die mehr als ein halbes Jahrhundert schwiegen. Besonders die Wirren der letzten Kriegswochen, und die folgenden Jahre der Entbehrung, prägten die Menschen, die heute unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern sind.
»Sei froh, daß du überhaupt überlebt hast. Vergiß alles und schau lieber nach vorne!«
Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter über die Erziehung der Kriegskindergeneration im Buch von Sabine Bode.
Im Fall der heute 82 Jährigen brannte sich besonders ein traumatisierendes Ereignis in ihr Gedächtnis ein, als am 8. Mai 1945 Rotarmisten in ihr Haus eingedrungen sind. Der Vater war in Gefangenschaft, die Mutter mit den Kindern und Flüchtlingen aus den Ostgebieten allein im Haus. Die damals 10-jährige Schülerin musste mit ansehen, wie ihre Mutter stundenlang vergewaltigt und misshandelt wurde. Auch an ihr wollten sich die Soldaten in ihrem Siegestaumel vergehen, da opferte sich die Mutter erneut, auch um andere Kinder in dem kleinen Schlafzimmer zu schützen.
Für Wochen versteckten sich die Frauen und Kinder des kleinen Dorfes in der Oberlausitz in einer improvisierten Unterkunft auf einer Müllhalde, weil sie Angst hatten, die Nächte in ihren eigenen vier Wänden zu verbringen. In den folgenden Jahrzehnten unter sozialistischer Herrschaft in der DDR galt das Thema als Tabu, offiziell waren die Soldaten der Roten Armee Befreier und die Helden der Länder des Ostblocks.
Nie wieder wurde in der Familie über diese Nacht gesprochen, erst recht nicht, als der Vater ein Jahr später aus der russischen Gefangenschaft heimkehrte. Er selbst war Tuberkulose krank, war abgemagert und heruntergekommen, und hatte für seine Kinder keine Liebe mehr übrig.

Wie so viele Kriegskinder hatte auch Margret Helms nach dem 8. Mai 1945 ein eher zerrüttetes Verhälnis mit ihren Eltern, besonders da ihre Kindheit in jener Nacht abrupt zu einem Ende kam. Die Autorin Sabine Bode hat sich über zwei Jahrzehnte intensiv mit den Kriegskindern beschäftigt. Gegenüber SBS verrät sie, was zu diesem langen Schweigen geführt hat, und warum die Wunden im Alter wieder aufreissen.
»Krieg beschädigt nachhaltig die Beziehungsfähigkeit von Menschen...dadurch kann das Verhältnis zwischen den Generationen sehr problematisch sein.«
Sabine Bode sagt, dass viele Traumata der Kriegszeit unbewußt an die nächste Generation weitergegeben wurde.
Margret Helms hat wie so viele ihrer Altersgenossen nach dem Krieg ein glückliches Leben geführt. In Norddeutschland, vernab der Heimat, gründete sie eine Familie und heute ist sie stolz auf ihre Kinder, Enkel und Urenkel. Erst im Jahr 2016 hat sie die Kraft gefunden, mit ihrem älteren Bruder Friedwald Heuthe wieder über jene Nacht zu sprechen.
Heute ist Margret Helms mit ihrer Vergangenheit im Reinen und hofft, dass nie wieder ein Mensch erleben muss, was sie und ihre Familie damals durchmachen musste.

