Kaspar Visser: Essen zu leisten und gesund sich zu ernähren wird
für viele Menschen immer schwieriger. Laut der
Bundesinformation Zentrum Landwirtschaft ist der
Preis von Lebensmittel fast 32 Prozent zwischen
2021 und 2025 gestiegen. Es besteht ein erhöhtes
Risiko für Ernährungsunsicherheit in der
Gesellschaft, die seit dem Kriegsausbruch in der
Ukraine und der anschließenden Inflationskrise
deutlich zugenommen hat. Durch den Ausbruch des
Krieges im Nahen Osten und die erwartete
Energiekrise sind immer mehr Menschen bedroht. Am
stärksten betroffen und verwundbar ist das
iranische Volk. Aber Menschen überall auf der Welt
werden andere Auswirkungen erleben. In einen der
größten Städten Deutschlands kämpft eine Gruppe
gegen diese Ernährungsunsicherheit.
Speaker B: Wir haben gestern mit der Hamburger Tafel bei der
größten Lebensmittelmesse, der Internorga, Wenn
die schließt, dann fahren wir mit all unseren
Fahrzeugen dahin und holen die Lebensmittel von
den Ausstellern ab. Und das ist immer eine krasse
Aktion, die dann so ungefähr bis 22 Uhr abends
geht. Insofern sind wir heute alle noch ein
bisschen müde, aber sonst geht es uns gut.
Kaspar Visser: Jan Henrik Hellweger ist Geschäftsführer des
gemeinnützigen Vereins Hamburger Tafel. Seit er
vor 15 Jahren angefangen hat, durchlief er mehrere
Positionen und übernahm nach und nach mehr
Verantwortung. Letzte Woche habe ich ein Interview
mit ihm aufgenommen, in dem er die Größe des
Problems in Hamburg und die Rolle der Tafel bei
der Unterstützung der Menschen erläutert. Wie
viele Menschen sind in Deutschland oder in Hamburg
Speaker B: Also wir erreichen mit unseren Lebensmittelspenden
in Hamburg pro Woche circa Menschen, die wir
unterstützen mit unseren Lebensmitteln. Und ein
aktueller Bericht von der Diakonie sagt, dass
circa Menschen in Hamburg arm oder von Armut
bedroht sind. Bedeutet von den Menschen, die
wahrscheinlich unsere Leistung gut gebrauchen
könnten. Also Unterstützung von Lebensmitteln
eigentlich brauchen, erreichen wir so etwas mehr
Kaspar Visser: OK, und wer genau sind die Gruppen, die am
stärksten betroffen sind?
Speaker B: In Hamburg? Sind das Menschen, die eben Bürgergeld
beziehen, also Sozialleistungen bekommen.
Altersarmut spielt eine große Rolle. Das sind vor
allen Dingen Frauen, die nicht lange genug in die
Kasse eingezahlt haben und jetzt eine geringe
Rente haben und zum Beispiel Wohngeldbezuschussung
bekommen. Es sind natürlich Arbeitslose, ehemals
oder immer noch drogenabhängige, Menschen mit
psychischen Problemen und auch ein gewisser Anteil
an Schutzsuchenden in Hamburg, also die Gruppe der
Flüchtlinge. Wir arbeiten so, dass jeder, der auf
Hamburger Boden in Not ist, potenziell von uns
unterstützt wird. Also selbstverständlich machen
wir da keine Unterschiede in Bezug auf Herkunft
oder Religion oder solche Dinge.
Kaspar Visser: Und wie sieht es täglich dann bei euch aus, wenn
ihr arbeitet? Was erlebt man in einem Tag beim
Speaker B: Also Wir sind hier 250 Ehrenamtliche, haben 17
Kühlfahrzeuge. Wir fahren vor allen Dingen den
Lebensmitteleinzelhandel an, also die Supermärkte
und holen dann hinten bei den Laderampen die
Lebensmittel ab, die nicht mehr zum Verkauf
geeignet sind, aber eben noch bedenkenlos zu
verzehren. Ein typisches Beispiel dafür ist zum
Beispiel die, wie wir sagen, die Tigerbanane, also
die Banane, die schon so ein paar braune Stellen
hat, die aber natürlich quasi vielleicht sogar
noch besser schmeckt, als wenn sie ganz knallgrün
ist. Oder auch ganz viel Backwaren. Backwaren sind
auch so ein Thema. Wenn die gekauft werden, dann
müssen die knalle frisch sein und von bester
Qualität, aber man kann sie auch noch ein, zwei
Tage länger natürlich ganz prima genießen. Das
sind also alles so die Lebensmittelgruppen, die
wir dann im Einzelhandel aus den Überschüssen mit
unseren Kühlfahrzeugen einsammeln und anschließend
an große soziale Einrichtungen in Hamburg
Kaspar Visser: Der Prozess, diese Lebensmittel zu besorgen und
sie dann den entsprechenden Personen auszuliefern,
ist ein großes Unternehmen. Die Schließung der
Straße von Hummus und ihre Auswirkungen auf die
globale Lieferkette verursachen mehrere
Schwierigkeiten für diese Aufgabe. Ich habe Jan
Henrik gefragt, ob er sich um die Hamburger Tafel
sorgt und welche konkreten Auswirkungen es geben
Speaker B: Also es ist definitiv so, dass wir natürlich hier
zwei Betriebsstoffe in unserem Verein haben. Das
eine ist der Kaffee, den die Kollegen morgens
trinken. Also Spaß beiseite. Der andere ist
natürlich ganz, ganz wichtig, der Diesel. Alle
unsere Fahrzeuge fahren zurzeit noch mit Diesel.
Wir haben keine Elektrofahrzeuge, weil das mit der
Kühlung techn. Nicht möglich ist. Da gibt es noch
nichts am Markt, was das beides kann. Und ja,
jetzt ist der Dieselpreis auf 2,20. Das bedeutet,
bei jeder unserer Strecken haben wir erhebliche
Mehrkosten. Das ist im Moment seit Anfang März so.
Ich meine, wir haben heute den 18. März. Das
können wir von unseren Kosten her noch durch
unsere Rücklagen überbrücken. Aber ich habe
tatsächlich schon verschiedene Unterstützer und
Stiftungen angeschrieben mit so einem kleinen
Hilferuf, dass wenn das jetzt weiter so bleibt,
dass die Dieselkosten so hoch sind, dass ich
einfach finanzielle Unterstützung brauche, damit
unsere Flotte, also unsere Fahrzeuge wirklich
weiterfahren können und auf der Straße bleiben.
Weil wenn das jetzt, ich sage jetzt mal, ein
halbes Jahr in diesem Rahmen so bleiben würde,
dann hätten wir irgendwann tatsächlich extreme
Schwierigkeiten, die Kosten zu decken.
Kaspar Visser: Ja, hast du in den letzten Jahren oder in der
letzten Zeit auch eine Zunahme der Menschen
gesehen und festgestellt, die Hilfe brauchen?
Speaker B: Also jetzt Kriegsbeginn, Iran und höhere
Energiekosten haben wir jetzt bei uns noch nicht
wahrgenommen, dass wir dadurch mehr Anrufe haben,
was aber definitiv der Fall ist. Dadurch, dass die
Lebensmittelpreise schon seit 23 so stark
gestiegen. Sind, haben wir insgesamt viel, viel
mehr Menschen, die nach unserer Leistung fragen.
Und das ist leider auch so, dass ungefähr 80
Prozent von unserem Netzwerk schon einen
Aufnahmestopp haben, dass wir da also keine neuen
Kunden mehr aufnehmen können oder neue Gäste, die
unsere Hilfe brauchen, sondern dass wir eben
unsere Ressourcen dazu benötigen, die Menschen,
die schon mit uns rechnen, immer noch in der
gleichen Form unterstützen zu können. Also wir
müssen den Menschen nicht weniger geben als
vorher, aber wir können auch keine neuen Menschen
aufnehmen. Das ist schon schwierig zurzeit.
Kaspar Visser: Die Nachfrage für Tafeln wird durch die unstabile
Weltordnung nicht geringer werden. Durch ihre
aktive Arbeit leisten die Mitglieder innen einen
wichtigen Beitrag, um bedrohten Menschen zu
helfen. Zum Schluss wollte Jan noch etwas dazu
Speaker B: Egal in welchem Land auf der Welt, oft warten die
Menschen darauf, dass quasi der Staat etwas tut.
Das ist ein sehr langsames System. Ich appelliere
an die Vernunft des Menschen und dass wir als
Bürger, egal ob in Australien, in Hamburg oder
sonst wo immer in der Lage sind, uns auch
gegenseitig zu helfen, mit einer Spende, mit
deiner Lebenszeit, die du einbringst und und und.
Man soll ruhig mal mutig sein und anderen helfen,
ohne was dafür zu verlangen, weil das einfach
riesen viel Spaß macht und wir unsere Gesellschaft
damit ein Stück besser machen.
Kaspar Visser: Anfang März haben sich die CDU und SPD auf die
Einrichtung einer gemeinsamen Taskforce geeinigt,
um die gestiegenen Spritkosten zu analysieren.
Einige Politiker innen der beiden Parteien möchten
damit auch eine potenziell unbegründete
Preisgestaltung untersuchen. Bisher hat sich die
Task Force nur auf die Energiekosten konzentriert,
aber jetzt wird sie sich auch den
Lebensmittelkosten widmen. Sie reagieren mit
Aktionen, aber wir müssen abwarten, um zu sehen,
wie sich auf die am meisten gefährdeten Personen
auswirkt. In dieser Zeit werden die Tafeln sowohl
in Hamburg als auch in ganz Deutschland und
Australien weiterarbeiten. Vielen Dank an Jan
Henrik Hellweger bei der Hamburger Tafel. Weitere
Informationen finden Sie auf Instagram und
Facebook unter SBS German. Mein Name ist Kaspar
Wisser, der Korrespondent vor Ort in Deutschland.
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