Benjamin Kanthak: Bei mir ist jetzt Sönke Wortmann. Vielen, vielen
Dank, Sönke, dass du die Zeit nimmst, mit uns zu
Sönke Wortmann: Danke für die Einladung.
Benjamin Kanthak: Woran erkennt man einen Sönke Wortmann Film?
Sönke Wortmann: Ich habe keine Ahnung, aber wenn ich mir was
wünschen würde, dann ist es Also meistens mache
ich ja Komödien. Das ist ja so mein Home Turf
sozusagen. Und wenn dann einer Es ist nicht nur
lustig, sondern ist auch gleichzeitig
melancholisch oder sogar manchmal traurig, dann
dann würde mich das freuen, wenn das eine
Benjamin Kanthak: Ist das auch das, was dich an dem Film Die Eltern
sofort gereizt hat? Also an der Geschichte
Sönke Wortmann: Ja, schon. Also die Geschichte, auf die kommen wir
bestimmt gleich noch mal kurz. Das kann man auch
als Tragödie erzählen. Für mich ist eine gute
Komödie immer einen Schritt von der Tragödie
entfernt. Und hier geht es ja einen mann die 50,
der eigentlich glücklich verheiratet ist und als
Schriftsteller gut leben kann, für den sich dann
die ganze Welt aber ändern, weil erst seine
Tochter auszieht und dann seine Frau gleich mit.
Und er muss ganz schön viel wegstecken. Und das
kann man natürlich sehr traurig erzählen, aber
auch mit einem gewissen Humor, wie ich finde. Und
Benjamin Kanthak: Ja. Das Buch, was ja quasi als Grundlage zur
Verfügung stand von Jan Weiler, das beruht ja auf
Geschichten. Das ist so eine Sammlung von Texten
aus seiner Kolumne. Richtig?
Sönke Wortmann: Genau. Er schreibt eine Kolumne für die Welt oder
Welt am Sonntag. Ich vergesse das immer. Und über
20 Jahre macht das schon, begleitet er seine
eigene Familie im Alltag und schreibt darüber. Und
der erste Sammelband hieß Das Pubertier, das wurde
auch verfilmt, sehr erfolgreich auch. Und jetzt
sind die Kinder halt schon die 18, also 17 und 19
genauer gesagt. Und da verschieben sich ein paar
Probleme. Und das beschreibt er in diesen neuen
Kolumnen, die Eltern. Und wir haben versucht,
einen roten Faden reinzubauen, damit es auch eine
Geschichte von A bis Z ist. Und das Ergebnis sehen
wir dann hier in Sydney nächsten Dienstag und im
Benjamin Kanthak: Ja, wir freuen uns wirklich drauf. Aber jetzt noch
mal zu dieser Art von Text, die Jan Weiler da
geschrieben hat. Wie muss man sich das vorstellen,
dieses Format, was er dort irgendwie in dem das ja
verfasst ist, dann zu übersetzen in Filmsprache?
Ich stelle mir das nicht ganz einfach vor. Wie war
Sönke Wortmann: Ja, das war überhaupt nicht einfach. Wir haben
relativ lange dran geschraubt, muss ich sagen. Jan
Weiler ist ein ganz toller Romanautor, der auch
Dialoge schreiben kann wie kaum ein zweiter. Das
hat er hier auch geschafft. Aber was immer gefehlt
hat, ist sozusagen die durchgehende Geschichte,
die Entwicklung einer Figur. Und die musst du in
einer Kolumne ja gar nicht haben, weil die fängt
an und dann ist sie ja schon wieder zu Ende. Es
gibt keine Entwicklung, keine Reise der
Protagonisten und auch der Nebendarsteller. Und
das mussten wir da reinkriegen und das war
Benjamin Kanthak: Aber was hat denn den speziellen Reiz für dich
jetzt persönlich ausgemacht? Also das ist ja ein
Themenbereich, mit dem du dich identifizieren
kannst. Du hast ja selber Kinder.
Sönke Wortmann: Ja, stimmt. Ich bin im gleichen Alter ungefähr,
ich bin Auch schon über 50 jetzt. Kinder sind aus
dem Haus, Also sind schon Dinge, die ich teilweise
selber erlebt habe. Es ist aber nicht so, dass es
jetzt so in einen Autorenfilm abgleitet, also dass
ich nur sozusagen über die eigene Blase berichte,
sondern ich habe gemerkt, dass auch im
Bekanntenkreis, deswegen heißt der Film ja auch
die Empty Nesters. In Deutschland ist das ein sehr
feststehender Begriff, Wie heißt es Nest?
Benjamin Kanthak: Weiß ich auch nicht. Empty Nester. Ja, wenn die
Kinder das Nest verlassen, ich weiß, gibt es dafür
Sönke Wortmann: Ich glaube, ich komme nicht drauf, weil ich in
letzter Zeit nur Englisch spreche, dann vergesse
Benjamin Kanthak: Geht mir auch so seit ein paar Jahren, was du
Sönke Wortmann: Ja, man kann sich natürlich ein bisschen darauf
einstellen, das haben wir auch gemacht. Es ist
natürlich schwierig, wenn man sozusagen 18, 19, 20
Jahre lang stehen die Kinder ja automatisch im
Mittelpunkt einer Familie, weil man sich kümmern
muss, weil sie Schule haben, weil sie
Schulprobleme haben, solche Dinge. Und wenn sie
dann aus dem Haus sind, wie man so sagt, da kommen
viele nicht mit klar, viele Eltern, weil sozusagen
das Hauptthema der Familie einfach nicht mehr da
ist oder nicht mehr so da ist. Der Film will aber
auch zeigen, dass das eine Chance sein kann, im
letzten, weiß ich nicht, Drittel, Viertel des
Lebens, sich noch mal mitzuverändern und Dinge
wieder tun zu können oder zum ersten Mal tun zu
können, für die man die letzten 20 Jahre keine
Benjamin Kanthak: Ja, stimmt. Das ist genauso, wie wenn man dann
irgendwann mit dem Berufsleben dann abschließt und
da ans Ende kommt und wenn man dann nichts
gefunden hat, keine Passion im Leben, dann wird es
halt auch ziemlich einsam und ziemlich traurig.
Sönke Wortmann: Dann wird man schneller alt.
Benjamin Kanthak: Dann wird man schneller alt. Ja. Nun könnte das
Ganze ja auch ein Drama sein. Es ist eine Dramedy
Komödie. Was macht den Reiz an Komödien für dich
Sönke Wortmann: Oh, das kann ich gar nicht so sagen. Also ich mag
andere Genres auch sehr gerne. Gibt ein paar
Dinge, die könnte ich nicht, die interessieren
mich auch gar nicht so. Sky Five, Special Effect
Filme würde mich nicht so interessieren. Komödie
hat für mich was, so wie ich sie verstehe, was
zutiefst menschliches. Probleme haben wir ja alle.
Und Komödie kann sehr gut dabei helfen, das besser
einzuordnen. Und ich glaube, das ist der Grund,
warum ich da immer wieder hin zurückkomme.
Benjamin Kanthak: Nun hat sich die Komödie ja auch verändert und in
den letzten drei Dekaden hast du ja auch wirklich
ganz maßgeblich mit dazu beigetragen.
Sönke Wortmann: Sehr lange schon.
Benjamin Kanthak: Ja, tatsächlich. Ich hab recherchiert, aber ja,
stimmt wirklich. Und deine Filme haben mich und
meine Generation natürlich auch begleitet. Der
bewegte Mann in den ER Jahren, viele andere, aber
natürlich dann auch Filme wie Bang Boom Bang oder
Knockin’ On. Heaven Store. Also die Komödie hatte
so ein ganz bisschen mehr edgy, so 90 Sekunden
viel. Also jetzt gerade ist ja auch 90 Sekunden
Nostalgie ganz groß. Also man schaut es ein
bisschen anders sich an. Dann kamen wir in so eine
ER Phase, wo wir dann die zwei Ohr Hasen, zwei
Ohrküken hatten und andere Filme oder Fack ju
Goethe, solche Serien, die sehr erfolgreich waren.
Ich finde es ganz spannend, die Komödien aus
Deutschland in den letzten Jahren, die haben einen
anderen Ton. Das hat mich so erinnert auch an
französische Komödien beispielsweise, die ja dann
auch wirklich Themen aufgreifen wie Political
Correctness und andere wirklich
gesellschaftskritische Themen. Wie erlebst du die
deutsche Komödie in den letzten Jahren? Du bist ja
Sönke Wortmann: Ja, ich denke schon, dass wir besser geworden sind
im Laufe der Jahre. Es wäre auch schade, wenn es
nicht so ist. Aber ich beziehe das gar nicht so
auf die Komödie alleine, sondern ich habe schon
das Gefühl, dass der deutsche Film besser wird.
Also aufgrund der Themenvielfalt, aber auch in
anderen Genres glaube ich, dass rein technisch und
von der Erzählform, wie wir das machen, dass es
viel besser geworden ist. Und wenn ich meine
ersten Filme angucke, was ich ja nicht mehr tue
aus gutem Grund, dann denke ich, oh, das ist aber
ganz schön ungelenk, ungeschickt. Und ich glaube,
da sind wir wesentlich professioneller geworden.
Und wenn die Sprache nicht wäre, kannst du, glaube
ich, heute bei den meisten deutschen Filmen oder
zumindest den Komödien oder diesen Dramödien,
Drama, dies hast du gesagt, kannst du nicht
unbedingt einen Unterschied erkennen zu anderen
Ländern. Was ich aber schön finde, also die
Sprache bleibt natürlich Deutsch, also ist als
deutscher Film nach wie vor erkennbar, aber es ist
nicht mehr so trutschig, wie es mal war.
Benjamin Kanthak: Schönes Wort, trutschig. Ja. Und ich musste da
auch ganz viel dran denken an die Entwicklung zum
Beispiel des skandinavischen Films, wo ja dann
teilweise auch, hat man das Gefühl, ein bisschen
neidisch drauf geschaut wurde, mit wie wenig
Mitteln dort auch wirklich dann Filme gemacht
wurden, die international gefeiert wurden. Auch
diese Genre, Crime Noir und so, haben die absolut
dominiert, Skandinavier, aber auch andere Genres.
Es ist ja nicht ein Infrastrukturproblem. Ich
meine, der deutsche Film hatte ja Fördermittel und
so weiter. Also daran liegt es ja nicht. Die
Fördermittel waren immer da. Das heißt, es muss
irgendwie tiefer gehen. Die Art und Weise, wie
Film verstanden wird oder an den Filmschulen
gelehrt wird oder die Inspiration. Wo meinst du,
kam diese Veränderung her? Weil Funding ist es ja
Sönke Wortmann: Ne, Funding ist es nicht, aber ich glaube, es ist
einfach ein Lernprozess. Also erstmal eine
Erkenntnis, dass Film ohne Publikum nicht geht.
Das war früher mal anders im deutschen Filmen. Da
habe ich so das Gefühl, es war alles so
erdenschwer und die Macher haben es nur für sich
selber und ihre Bubble gemacht. Ich glaube schon,
diese Einstellung hat sich geändert. Also man will
schon sein Publikum erreichen, so insgesamt.
Manche wollen es immer noch nicht, aber im Großen
und Ganzen, glaube ich, ist das so. Und das ist
eine ganz wichtige Erkenntnis, wenn man sozusagen
diesen Notenschlüssel mal gefunden hat, dann sehen
die Filme automatisch ein bisschen anders aus.
Benjamin Kanthak: Ja, und ich finde auch, dass Streaming, love it or
hate it, ist natürlich so eine Sache.
Streamingdienste können ganz viel leisten für den
Film, aber können natürlich auch dafür sorgen,
dass der Film irgendwie darunter leidet, dass es
sie gibt, Was du angesprochen hast, so geht es mir
auch. Also wenn man ein gutes Konzept hat, einen
guten Film dann ist es egal, ob der in Spanien
produziert ist, in Deutschland produziert ist, er
findet dann irgendwie sein Publikum. Ich habe
neulich gelesen, dass Streamingdienste aber zum
Beispiel bei ihrer Produktion mit einbeziehen, wie
Menschen diese Filme konsumieren. Also dass sie
oft am Telefon sind und nur so halb die Filme
schauen. Da muss man kein Filmromantiker sein,
dass einem da das Herz blutet.
Sönke Wortmann: Das ist so.
Benjamin Kanthak: Da wird dann auch die Bedeutung des
Kinoerlebnisses deutlich. Also dass wir weiterhin
Kino brauchen, wie du dazu stehst, kann ich mir
schon denken. Aber wie siehst du die Entwicklung
von Filmen in Zeiten von Streaming?
Sönke Wortmann: Ja, es hat Vor und Nachteile. Der Nachteil ist
tatsächlich, dass die ein bisschen Publikum
wegnehmen. Also es gehen nicht mehr so viele Leute
ins Kino, wie es mal war. Das ist natürlich
schade. Andererseits, es sind immer noch genug.
Also man kann noch davon leben, auch die
Kinobesitzer, wenn sie ein paar Dinge richtig
machen, auch die Filmverleiher, Das geht schon
noch. Und ich stelle immer wieder fest, dass es
einfach ein Riesenunterschied ist, ob man einen
Film, egal ob Drama oder Komödie, bei Komödie ist
es noch wichtiger, zusammen in einem Raum mit,
weiß ich nicht, zwei, drei, vierhundert anderen
Leuten sieht. Das ist ein anderes Erlebnis, das
gleichzeitig auf einer großen Leinwand zu sehen
ist ein ganz anderes Erlebnis, als zu Hause auf
der Couch zu sitzen und das auf einer Mattscheibe
zu sehen. Und ganz schlimm ist natürlich noch dann
in der U Bahn, wenn die Kids da auf ihrem
Smartphone das gucken. Das kann ich nur sehr
Benjamin Kanthak: Vorstellen.
Sönke Wortmann: Insofern glaube ich schon nach wie vor, ich bin da
Optimist. Das Kino wird es immer geben. Und ich
habe auch das Gefühl, dass die Streamer, es gibt
natürlich Ausnahmen, es gibt immer wieder hier und
da tolle Produkte, aber wenn ich mich da so durch
scrolle und das Angebot sehe, ich habe schon das
Gefühl, ich werde nicht mehr überrascht. Das war
am Anfang anders bei den Streamern. Und jetzt
aufgrund der Tatsache, die du gerade erwähnt hast,
die kriegen ja sofort die Rückmeldung und stellen
sich genau darauf ein, wann was zu passieren hat.
Mich langweilt das mittlerweile. Ich werde da
Benjamin Kanthak: Die Marketingabteilung gibt sich High Fives, weil
sie alles irgendwie analysieren können. Aber dann
hast du natürlich eine Gleichschaltung. Definitiv.
Also geht mir auch so, dass dann einige Formate
oder Ideen dann relativ gleichgeschaltet werden,
weil es anscheinend funktioniert und dann macht
jeder so seinen Abklatsch. Aber ich habe da
neulich auch viel drüber nachgedacht.
Sönke Wortmann: Das funktioniert dann nur bis zum gewissen Grade,
weil wenn alle das Gleiche machen, dann glaube ich
nicht mehr, dass es funktioniert. Also diese
Überraschung, die ich ja so wichtig finde im Film,
auch bei den Screamern, die findet eher nicht
statt. Und das ist, glaube ich, ein Fehler.
Benjamin Kanthak: Und das Live Erlebnis in einem Kinosaal, so was
gemeinsam zu erleben, hast du schon angesprochen.
Und das ist was, darüber habe ich ganz viel auch
in letzter Zeit in der Familie, aber auch mit
Freunden darüber gesprochen. Leute sehen sich ja
nach solchen Erlebnissen. Und ich glaube, wir sind
so übersättigt, auch mit diesem On Demand, alles
zu jeder Zeit, Everything all the time at once,
gibt es ein tolles Buch zu, wo es genau darum
geht, dass wir uns aber nach Erlebnissen im Leben
auch sehnen. Deswegen ist Livemusik ja auch nicht
tot. Deswegen wird das Kino vermutlich auch nicht
Sönke Wortmann: Theater wird es auch immer geben.
Benjamin Kanthak: Theater wird es immer geben.
Sönke Wortmann: Ich war gestern in der Sydney Opera, das war ganz
toll und das kriegst du natürlich auch nicht zu
Benjamin Kanthak: Nein, und ich glaube, Leute sehen sich dann
danach, auch wenn diese Convenience vielleicht
dann irgendwie dann nicht mehr den Nerv kitzelt,
so wie es war. Also man kann wirklich nur darauf
hoffen. Und da sind natürlich auch Filmfestivals
ein wichtiger Bestandteil dessen, wie Menschen
neue Filme entdecken, neues entdecken, Filme
erleben. Wie erlebst du Filmfestivals heute? Ich
meine, du hast in deiner Laufbahn ja vermutlich
das ein oder andere Filmfestival schon mitgemacht.
Jetzt bist du hier in Sydney. Wie erlebst du diese
Sönke Wortmann: Ja, ich finde das immer wieder wichtig. Ich selber
werde relativ wenig eingeladen, weil die Filme,
die ich mache, sind oft nicht, wie man sagt, nicht
Festival tauglich, weil die dann zu, wie soll ich
sagen, zu leicht, zu kommerziell gedacht sind. Ich
glaube nicht, dass sich das gegenseitig
ausschließt. Ich glaube, dass. Kommerz und Kunst E
und U, das ist kein Widerspruch. Aber ich habe so
gemerkt, dass sie dann eher andere Filme nehmen.
Aber dank des Goethe Instituts, vertreten durch.
Benjamin Kanthak: Christoph Michelle, der hier im Raum sitzt, mit
Sönke Wortmann: Die mich gerne ab und zu mal fragen, ob ich kommen
möchte und dann komme ich natürlich gerne. Jetzt
habe ich den Faden verloren. Was wollte ich
Benjamin Kanthak: Du wolltest mir eigentlich erzählen, was
Filmfestivals, wie du die heute erlebst.
Sönke Wortmann: Ich gehe deswegen gerne dahin, weil ich Filme
sehen kann, die ich sonst nicht sehen würde, weil
sie entweder gar nicht ins Kino kommen oder sie
kommen kurz ins Kino und sind dann wieder weg. Und
da habe ich schon auch tolle Überraschungen
erlebt. Und ich war mal in einer Jury beim Chicago
Filmfestival, das ist lange her. Und da habe ich
einen Film gesehen, der dauerte 3 Stunden. Es ging
einen Maler, der versucht hat, draußen einen Apfel
zu malen, einen Baum. Es war aber Herbst und die
Farbe veränderte sich quasi täglich. Er musste
also quasi so hinterher malen und es war so
spannend über drei Stunden. Das hätte ich nie
gedacht. Und den Film hätte ich nie gesehen ohne
Benjamin Kanthak: Ja, das ist Wahnsinn. Das ist Wahnsinn, dass man
sowas erlebt. Und ich finde, ich möchte mal hier
eine Lanze brechen für die Komödie und für
leichtere Filme bei diesen Festivals, weil das war
eine Erfahrung, die wir jetzt gerade hier in
Australien hatten in den letzten Jahren, dass in
den Festival Lineups halt auch leichtere Filme,
leichtere Kost mit vertreten ist. Und das
Feedback, was wir so bekommen haben, wenn wir da
vor Ort waren von den Zuschauern, war auch, dass
es schön ist, da noch eine Mischung zu haben. Also
Festivalfilm muss nicht immer Doom, Gloom und
Hardcore Stuff sein, sondern es kann auch wirklich
was Leichtes sein. Das mischt sich ganz gut gut in
Sönke Wortmann: Ja, das können wir Dienstag bieten.
Benjamin Kanthak: Ja, wir freuen uns wirklich drauf. Das wird super.
Die Australienpremiere des Films, Wenn so ein
internationales Publikum eine Komödie sieht, eine
deutsche Komödie, was hoffst du, was kann das
Sönke Wortmann: Ja, ich glaube schon. Also, dass die Summe aller
Filme, die ein Land herstellt, die erzählt auch
was über das Land. Und ja, ich hoffe schon, dass
in dem Fall die Australier, die jetzt keinen Bezug
zu Deutschland haben, dass die merken, so humorlos
sind wir gar nicht bei uns, weil das finde ich ja
auch, dass wir das eigentlich gar nicht so sind.
Aber es gibt so bestimmte Klischees, die sich über
Jahrzehnte eingegraben haben, eingebrannt haben.
Und dazu gehört das eben, dass Komödien andere
besser können. Und es gibt natürlich Länder, die
es, wie ich finde, besser können. Das ist Amerika.
Durch die ganzen jüdischen Auswanderer ist der
jüdische Humor da auch noch so in Fleisch und Blut
in England ist es der englische, der schwarze, der
britische Humor, den ich sehr gut finde.
Frankreich ist gut und dann kommen auch schon wir,
habe ich das Gefühl. Also Australien weiß ich
jetzt nicht, aber ich meine jetzt, ich weiß nicht,
ob die Schweden besseren Humor haben oder die
Italiener haben es ganz sicher nicht, wie ich
finde. Also wenn ich nur die Filme mir angucke,
ist mir das dann auch zu oft auf die Zwölf. Und
ich habe schon das Gefühl, dass die Deutschen
einen Vorteil haben, dass sie ja auch eine sehr
melancholische Seite haben. Und wenn das da
einfließt, auch in eine Komödie, kann das kein
Benjamin Kanthak: Definitiv nicht. Und die Überraschung ist dann
umso größer auch für das Publikum, wenn so ein
Klischee nicht bedient wird. Ist der deutsche
Film, die deutsche Komödie riskanter geworden in
den letzten Jahren? Also geht die Komödie ein
bisschen mehr dahin, wo es weh tut und wo man
Sönke Wortmann: Ja, ich glaube schon. Ich glaube schon. Also ich
habe jetzt keine Beweise mitgebracht, aber ich
denke ja, das ist ein Gefühl.
Benjamin Kanthak: Du hast schon angesprochen, deine Filme sind eher
kommerzieller. Das ist ja auch was Tolles, wenn
man Erfolg hat und den hast du ja wirklich gehabt
in den letzten Jahren, weil das dir wahrscheinlich
auch eine Menge Freiheit schafft. Du hast einmal
gesagt, du kannst auch Flops, erklär mal bitte,
was du damit meinst. Meinst du damit, dass du mehr
Freiheit hast, auch Risiken einzugehen und du hast
nicht mehr diesen unsagbaren Druck, den vielleicht
jüngere Regisseure haben, die jetzt noch nicht
diese Erfolge vorlegen konnten.
Sönke Wortmann: Ja, ich kann auch Flops. Das ist meistens eine
Antwort gewesen, wenn man meine Erfolge
zusammenfasst und nennt. Und dann sage ich gerne,
ich habe auch schon negative Erfahrungen gemacht.
Ich habe auch schon große Misserfolge. Leider,
leider. Das tut dann schon ein bisschen weh, wenn
man viel Herzblut in einen Film steckt und dann
kommt er raus und keinen interessiert es. Das ist
schon sehr frustrierend. Aber daraus kann man ja
auch lernen. Und das habe ich dann versucht und
hab dann durch diesen Lerneffekt, habe ich
versucht, auf der anderen Seite beim nächsten Film
wieder Dinge besser zu machen und meistens ist es
Benjamin Kanthak: Ja, definitiv. Ich meine, die Zahlen geben dir
recht und auch das Feedback, was du bekommst,
immer noch für deine Filme nach all dieser Zeit.
Unglaublich. Bei Sönke Wortmann, da kommt man aber
das Thema Fußball leider auch nicht drumherum. Wir
sind in einem Fußballjahr.
Sönke Wortmann: Ich habe es befürchtet.
Benjamin Kanthak: Ja, aber ich halte mich kurz, keine Sorge. Ich
werde auch nicht zu sehr ins Detail gehen, was
deine Filme angeht. Aber natürlich, klar, Wunder
von Bern, Sommermärchen, das sind Filme, die man
mit deinem Namen verbindet. Du bist selber
fußballbegeistert, hoffe ich immer noch, trotz
dieser Fragen, die ihr Es.
Sönke Wortmann: Wird weniger tatsächlich, muss ich schon leider
Benjamin Kanthak: Und das ist genau das, was ich dich fragen wollte.
Du warst ganz dicht dran bei diesem legendären
Sommermärchen. Jetzt gehen wir auf eine WM zu. Wir
sind der offizielle Broadcaster für Australien.
Das freut uns auf der einen Seite. Auf der anderen
Seite kommt man natürlich nicht politische Themen
drumrum. Es war jetzt aber nicht nur die WM, die
wir jetzt vor der Brust haben, sondern auch schon
Katar. Wie erlebst du die Entwicklung von
Fußballweltmeisterschaften gerade, wo du so dicht
dran warst und dieses Wunder miterlebt hast Oder
Sönke Wortmann: Sommermärchen für die, die es nicht wissen. Also
Sommermärchen kann nicht jeder was mit anfangen.
Das war die WM 2006, die in Deutschland stattfand.
Und da hatte ich das Vergnügen und die Ehre, die
deutsche Nationalmannschaft zu begleiten, überall
hin. Und daraus entstand ein Dokumentarfilm, den
auch sehr viele Leute gesehen haben. Mir selber
macht es immer weniger Spaß zu gucken. Also es
gibt natürlich diese Professionalisierung, diese
Kommerzialisierung, die geht ja immer weiter und
ich krieg so langsam. Es gibt immer so schöne
Spiele, meistens so Champions League Halbfinale,
wo ich Boah, ist das ein toller Sport. Aber
insgesamt, insgesamt finde ich das bin dann nicht
mehr so leidenschaftlich, weil ich kann es gar
Benjamin Kanthak: Ist eine Übersättigung vielleicht auch zu viel?
Sönke Wortmann: Ja, zu viel. Und dann gibt es noch die Donations
League und dann gibt es, was es alles gibt. Ich
bin auch so ein bisschen ratlos mit meinen
Benjamin Kanthak: Ja, aber es ist, finde ich, ein Gefühl, dass ich
persönlich würde mich als Fussballromantiker auch
bezeichnen. Das geht mir ähnlich. Und auch im
Gespräch mit anderen Freunden, die absolut
fußballbegeistert wahren Zeitlebens, die im
Stadion standen, die diese Romantik wirklich
gelebt haben. Ich stand im Volksballstadion mit
meiner Oma und habe das in tolle Erinnerungen.
Also das geht wirklich weit, weit zurück, dass das
irgendwie nicht mehr so anfasst. Und ich glaube,
die Kommerzialisierung ist da definitiv ein
Problem. Aber vielleicht hat auch so die
politische Ebene, also Katar, das hat sich nicht
Sönke Wortmann: Es fing ja mit Russland schon an. Russland, ja,
jetzt ist USA hauptsächlich, also natürlich auch
noch in Kanada und Mexiko, zwei sehr sympathische
Leute und die tut es mir leid. Und dann gibt es ja
diese FIFA mit diesem komischen Präsidenten. Das
ist einfach alles so unsympathisch geworden. Das
färbt für mich auf den Sport ab. Also es verleidet
mir so ein bisschen. Also ich meine, ich werde das
Endspiel schon gucken und die Halbfinals auch die
entscheidenden Spieler. Ich bin ja sehr selektiv
geworden, lange nichts mehr alles. Und wenn es mal
wirklich was geht, dann bin ich wahrscheinlich
schon wieder dabei. Aber die Euphorie hat sich
nicht eingestellt in Katar damals auch nicht vor
vier Jahren und jetzt ist auch nicht der Fall. Und
ich glaube, es wird auch nicht kommen.
Benjamin Kanthak: Lassen wir den Fußball mal wieder Fußball sein.
Benjamin Kanthak: Gibt es noch etwas, das du unbedingt drehen
willst? Hast du noch so ein Unicorn, wo du
vielleicht auch schon länger drüber nachdenkst?
Das wäre eine Geschichte, die ich gerne verfilmen
würde oder ein Themenbereich?
Sönke Wortmann: Ne, gibt es nicht, weil das Glück tatsächlich,
dass ich eigentlich immer das machen konnte, was
ich mir vorgenommen hatte. Es gab so aus meiner
Sicht ein paar ganz wichtige Filme, also Das
Wunder von Bern zum Beispiel oder auch
Deutschland, Sommermärchen, kleine Hai, ist ein
früherer Film, ein Frühfilm von mir. Also ich
hatte schon immer das Gefühl, dass ich meine
Traumprojekte auch machen konnte. Da bin ich auch
Benjamin Kanthak: Ja, das kann ich mir sehr Gut vorstellen. Am 24.
Februar feiert dein aktueller Film Die Eltern
Australienpremiere in Sydney.
Sönke Wortmann: Die Eltern mit Ä, muss man dazu.
Benjamin Kanthak: Sagen, Eltern, es gibt ältere Eltern.
Sönke Wortmann: Wo die Kinder eben gerade weg sind.
Benjamin Kanthak: Schöner kleiner Joke.
Sönke Wortmann: Wir haben auch überlegt, wie es auf Englisch
heißen könnte, aber the Parents mit Ä wäre auch
komisch gewesen oder nicht?
Benjamin Kanthak: Oder vielleicht gerade deswegen wäre es ganz gut.
Sönke Wortmann: Das wäre mein Vorschlag gewesen. Aber jetzt heißt
es the Empty Nesters, was inhaltlich Sinn macht,
Benjamin Kanthak: Deutsch nicht eingefallen ist. Insofern, also die
Eltern, Eltern mit ä. Am 24. Februar feiert hier
Premiere in Australien. Du wirst vor Ort sein, was
total schön ist, auch für diejenigen, die beim
Europa Europa Festival das dann live erleben
werden. Worüber sollen die Menschen, die jetzt
diesen Film im Kino dann sehen, wenn sie das Kino
verlassen. Worüber sollen die diskutieren auf dem
Heimweg? Was wäre so dein Wunsch, was sie
Sönke Wortmann: Naja, ich will es ja auch nicht zu viel verraten,
aber es geht natürlich auch die Ehe, die dort
verhandelt wird. Also die Eltern sind ja auch
verheiratet, die Eltern mit Ä und wie sie dann
damit umgehen. Mehr kann ich nicht verraten. Das
ist schon sehr erwachsen, wie ich finde. Und ich
finde, man sollte dann auch da erwachsen mit
umgehen. Das heißt, wenn man sich sehr lange kennt
und lange verheiratet ist und dann sich aber
anders entwickelt, also nicht mehr gemeinsam,
sondern andere Interessen entwickelt, dann sollte
man das gegenseitig respektieren. Und wenn das
einen Vorbildcharakter haben könnte, wie in diesem
Film, dann würde mich das freuen.
Benjamin Kanthak: Wir sind gespannt, wir freuen uns auf den Film.
Sönke Wortmann, vielen, vielen Dank, dass du bei
uns hier vorbeigeschaut bist, bei uns im Sender.
Hat wirklich viel Spaß gemacht.
Sönke Wortmann: Vielen Dank.
Benjamin Kanthak: Dankeschön.
END OF TRANSCRIPT